Prof. Dr. Harald SEUBERT (Prorektor der Unabhängigen Theologischen Hochschule, Basel | Autor)
Zum 31. Juli 2024
Sehr geehrte liebe Freunde!
Epileptische Anfälle und nun eine sichere MS-Diagnose machen es mir unmöglich, in diesem Jahr die Abschlussdiskussion beim Arbeitskonvent des Alten Ordens vom St. Georg zu moderieren. Während Ihrer Tagung werde ich in der Marianne Strauß Klinik in Starnberg sein. - Ich versuche, durch dieses schriftliche Grußwort, das Graf Peter zu Stolberg-Stolberg freundlicherweise verlesen wird, die Präsenz bestmöglich zu kompensieren besser zu transzendieren.
Es ist Ihnen gelungen hochrenommierte Referenten zu einem brennenden Paradigma zu gewinnen: dabei geht es um die Auseinandersetzung nicht mit einem pauschal verstandenen bzw. missverstandenen Bild von Wissenschaft. Als Präsident der Martin Heidegger-Gesellschaft darf ich an Heideggers Diktum erinnern: „Die Wissenschaft denkt nicht“. Sie sei Paradigma der Seins-Vergessenheit, der „Not der Notlosigkeit“. Doch ist das so pauschal richtig? Wissenschaft kann sehr wohl in ihren jeweiligen methodologischen Paradigmen zur Wahrheit und letztlich auch zum Denken und damit zu Gott führen. Ein ganz anderes Temperament, Max Planck lehrte, der erste Schluck aus dem Glas der Wissenschaft führe zum Atheismus, doch am Grunde des Glases sei Gott.
Ich kenne die Vorträge nicht, verbatim. Ich kenne und schätze aber die Lebensarbeit der Referenten.
Sie rühren auf dieser Tagung Themen an, die in den Kern menschlichen Wissens führen und ihn sogar überschreiten. Kollege Simon Maria Kopf fragt dezidiert nach dem Handeln der Stärke Gottes in der Schöpfung. In den Anfang vor dem Anfang der Dinge.
Ergänzt wurde dies durch einen nicht-reduktionistischen Zugriff auf Quantenphysik durch Kollegen Rudolf Hilfer. Er bietet Auswege aus dem vermeintlich unumgänglichen Physikalismus. Man muss es wagen diese Präformationen zu durchbrechen, besser zu transzendieren. Dann bietet die Quantenphysik buchstäblich Ausblicke in das Geheimnis der Welt. Die Weite der Welt, die Fülle der Universen lässt staunen.
Der vielleicht wichtigste Philosoph der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hans Blumenberg (1920-1996) war von der „Vollzähligkeit der Sterne“ fasziniert. Vor der Philosophie beschäftigte ihn die Astronomie. An ihr lernte er sehen und denken, er der Halbjude, dessen Weg immer tiefer in die katholische, eine universale Kirche führte. Ich schreibe diese wenigen Sätze bei Nürnberg, wo Hermann Obert lebte und wirkte. Er führte vor einem Menschenleben meinen nun verstorbenen Vater und mich durch das Feuchter Museum. Faszinierend war dies, eine Initiation auch für mich.
Doch der höchste Ort der Idee ist nach Platon über den Himmeln - der hyperuranios topos. Dies bleibt für Fides et Ratio maßgeblich.
Längst freilich ist diese sogenannte Wissenschaft nicht mehr selbstbegrenzt, sie wird Ideologie und Moralkeule. Einer der dümmsten Sätze, der auf Mainstreamtagungen vorgebracht wird, ist „man könne heute nicht mehr glauben“. Wie wohltuend der Vortragstitel von Kollegen Ernst Peter Fischer: „Durch Vernunft zum Glauben“. Man könnte es variieren: „Per aspera ad astra“. Oder mit dem Titel der wunderbaren Tondichtung von Richard Strauss - Tod und Verklärung.
Und wer sind wir? Einfach nur irgendwelche intelligible, erzählende Affen? Oder die zeitliche Spur in Gottes Ewigkeit.
Die selbstaufgeklärte und ihre Grenzen kennende Vernunft weist einen Weg in die Glaubenstiefen. Große Denker wie Platon, Thomas von Aquin, aber auch Immanuel Kant stimmen über die Zeiten hinweg damit überein. Vernunft ist zu unterscheiden vom Verstand. Die erste Frage und die letzte ist Gott selbst. Wer nach Wahrheit sucht, der rührt an Gott selbst.
Joseph Ratzinger, Benedikt XVI, setzte den Grundtopos von Fides et Ratio, neben dem der Liebe ins Zentrum seines Lebens und nicht nur seines Pontifikates.
‚Was Sie in diesen Tagen bewegt, hat nichts mit zurückweichender Apologetik zu tun. Diesen Weg wähle ich bis zur weitgehenden Inhaltsauslöschungen des Protestantismus in all seinen verschiedenen Facetten. Die beste katholische Tradition, die Verwandlung in der Zeit geht die Linie der Transzendenz, der Verklärung.
Der bedauerlicherweise im Juli dieses Jahres verstorbene große Philosoph Lorenz Bruno Puntel erklärte anlässlich seiner Ehrenpromotion in München die Sätze aus der Areopag-Rede des Apostels Paulus (Apg 17.28) als das Grundbild von Philosophie und Glauben: Wer aus ihm lebt, muss die Weltweisheit, die Fülle der Einsichten der Wissenschaften nicht meiden, sondern wird auf deren Fittichen schweben.
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit in Distanz
Kirchschlag, 31. August 2024