Der Heilige Georg
Identifikationstypus für Ritterlichkeit und als Miles Christianus
Die Verehrung des Heiligen Georg, welche im heutigen Palästina (Lydda-Diospolis) bereits auf das 4. Jahrhundert zurückgeht, entstand aus der mündlichen Überlieferung des Martyriums eines jungen Offiziers in Kappadokien (der heutigen mittleren Türkei), der sich zum Christentum bekannte, gegen die Christenverfolgung des römischen Kaisers Diocletian auftrat und deshalb im Jahre 303 enthauptet wurde.
Georg muss wohl ein bekannter, wahrscheinlich sehr verehrter und beliebter Mann gewesen sein. Seine ritterliche Hilfsbereitschaft soll er mit der berühmten Heldentat, der Besiegung des Drachens, der die Königstochter Aja zu verschlingen drohte, bewiesen haben. Seine ebenso mutige Treue zum Glauben an Jesus Christus führte zu seiner Hinrichtung und muss für alle, die seine Geschichte miterlebt, gekannt und weitererzählt bekommen hatten, zu einem emotional dramatischen Erlebnis geworden sein. Sehr schnell rankten sich Legenden um die Person des Ritters St. Georg, die von seinem schriftstellerischen Zeitgenossen, Eusebius (ca. 260-338), Bischof von Caesarea (Palästina), zusammengefasst und somit der byzantinischen Welt und dem lateinischen Mittelalter überliefert wurden.
St. Georg ist seit der Spätantike und dem frühen Mittelalter eine der populärsten Heiligengestalten. In der Ostkirche wird er als Großmärtyrer verehrt. Auch in der Westkirche gilt er als Schutzpatron, u. a. von England, Genua, Portugal, von unzähligen Provinzen, Städten und Gemeinden, sowie von Kathedralen, Kirchen und Kapellen. Er gehört zu den 14 Nothelfern und wird besonders als Patron der Ritter (seit 1496 Ritterorden des Hl. Georg) und Soldaten verehrt. Die Kreuzfahrer führten den Heiligen in ihrem Panier; unter dem zu besiegenden Lindwurm, verstanden sie ihren Kampf gegen den Unglauben. Die vermutete Wunderkraft dieses Symbols im Panier, veranlasste das russische Kaiserreich, den Ritter Georg in das Herzschild seines Wappens aufzunehmen. Im 14. Jahrhundert entstand im Fränkischen der Ritterbund mit dem Namen Georgsgesellschaft, dessen Zweck die Bekämpfung des Heidentums war. Auch die sage hinter Friedrich von Schillers Kampf mit dem Drachen ist die unseres Ordenspatrons.
Ein Blick in die Kunstgeschichte der abendländischen Kultur, erlaubt uns, im Heiligen Georg das Bild eines ehrenwerten, furchtlosen Kämpfers zu erkennen, als Vorbild für alle, die in der Lage sind, zu helfen, Gute zu tun und ein entsprechendes Beispiel zu geben. Gemäß der Überlieferung zeigen byzantinische und später russische Ikonen das Martyrium, wenn auch stark überzeichnet.
Vom 4. Bis zum 10. Jahrhundert verbildlichte St. Georg den Typus des Asketen, der seinen Besitz an die Armen verteilte. Im Mittelalter wurde die Legende des Drachenkampfes dramatisiert, mit Georg als Archetyp des Ritters, dessen Stärke und Kampfeslust auf den Schutz der Frauen, Witwen, Schwachen und Weisen hingelenkt wurde.
Während der Kreuzzüge wurde im Abendland das Bild des Heiligen Georg als Miles Christi verbreitet. Im östlichen Mittelmeer fanden die Kreuzfahrer zahlreiche Darstellungen von Drachentötern, Georg wurde zum christlichen Soldanten, wie ihn Jan van Eyck auf dem berühmten Genter Altar, als Anführer der Streiter Christi, die sich der Anbetung des Lammes nähern, zeigt. Bereits im Mittelalter wurde der Kampf gegen die Ungläubigen und gegen die eigene Sündhaftigkeit als Aufgabe und Berufung des Ritters gesehen. So zeigt Hieronymus Wierx den Miles Christianus auf einen Kranz mit sieben Schwertern stehend, welcher die sieben Todsünden symbolisieren.
Albrecht DÜRER fasste in seinem Stich Ritter, Tod und Teufel (1513), den mittelalterlichen Ritter gültig zusammen. Er zeigt ihn als Vorbild des Christen, der sich von seinem Ziel nicht abbringen lässt, allen Anfechtungen standhält und von ihnen unbeeindruckt, seinen Weg weiterzieht. Werder der Teufel mit Schafsgesicht, Schweinsrüssel, Eselsohren und Widderhörnern, noch der Tod, der dem Ritter mit seinem Pferd den Weg verstellen will, ihm dabei das Stundenglas entgegenhält, können seiner ritterlichen Haltung etwas anhaben.
Die Drachenkampfsymbolik bestimmte seit der Spätantike auch die Herrscherdarstellung. Schon im kaiserlichen Palast Konstantins des Großen (280-337) soll es laut Bischof Eusebius ein Bild von ihm und seinen Söhnen als Sieger über den Drachen gegeben haben. Sobald die Habsburger unter Friedrich III. (1415-1493) das deutsche Königtum und das römische Kaisertum erobert hatten, identifizierten sie sich mit dem Heiligen Georg. Kaiser Maximilian I. (1459-1519) wurde in der Georgskapelle der Burg zu Wiener Neustadt getauft und verstand sich als Protektor des Georgsritterordens.
Hans BURGMAIR zeigt den Hl. Georg und Maximilian in einem Holzschnitt einander gegenüberstehend, als überirdischer und irdischer Anführer der christlichen Streiter. Von Hans DAUCHER gibt es im Kunsthistorischen Museum zu Wien den Lindwurm hinwegreitend (um 1520). Sowohl der Sankt-Georg-Ritterorden als auch die von Max I. gestiftete Sankt-Georg-Gesellschaft waren ausgerichtet auf den Kampf gegen den Islam.
Sein Enkel, Kaiser Karl V., stellte den Kampf des Reiches gegen die inneren und äußeren Feinde der Kirche unter den Schutz des Ritterheiligen Georg.
TIZIAN zeigt dies im Jahre 1548 entstandenen Reiterbildes Karl V. (Madrid, Prado) in der Schlacht bei Mühlberg in Sachsen, wo der Kaiser am Tag des Heiligen Georg (24. April 1574) die Schmalkaldische Liga besiegte. Sein Blick – weder triumphierend noch heroisch – und die Spitze seiner Lanze sich auf eine noch bevorstehende Auseinandersetzung gerichtet; der Eindruck des Miles Christianus verdichtet sich.
Die Funktion des Heiligen Georg als Nothelfer und Patron der Ritter für die Sache des Kreuzes, wurde von neuem lebendig, als die Türken in Ungarn einfielen und 1683 bis Wien vorrückten. Die Wiener Sankt Peterskirche verewigt im Deckenfresko von Johann Michael ROTTMAYR den Sieg der Habsburger und des Reiches über die Osmanen.
Wie stark die Verehrung des Heiligen Georg bis ins 20. Jahrhundert im allgemeinen Bewusstsein verankert war, zeigt der, Ende Juni 1914 erschienenen Nachruf des Chefredakteurs der Reichspost auf den in Sarajevo ermordeten Thronfolger. Dort heißt es, Erzherzog Franz Ferdinand sei als Miles Christianus, als Heiliger Georg, den Feinden der Monarchie zum Opfer gefallen.
Quelle: Großteils aus einem Vortrag von OB Dr. Martin PROHASKA-MARCHRIED.
Gedanken zum Miles Christianus
Die vorhergehenden Betrachtungen lassen erkennen, dass ganz Europa übersät ist mit Statuen, Bildnissen, Hinweisen, Anekdoten und konkreten Geschichten über den Heiligen Georg, nach welchem so viele unserer Mitmenschen benannt sind, als Archetypus des Ritters.
Selbst wenn, oder gerade weil, historisch-wissenschaftlich nur wenig faktisch beweisbar ist über die Person und das Schicksal des Heiligen Georg, so erscheint es durchaus vertretbar, in der seit 1.700 Jahren und quer durch alle gesellschaftlichen Kreise betriebenen Reflexion, dass die gewiss meist vergebliche Suche nach der idealen Persönlichkeit des einsatzbereiten, zuverlässigen – weil starken – Ritters, genau ihn zeichnet. Sein Charakterbild ist bestechend gut und so erstrebenswert, weil es bis heute menschlich nachvollziehbar ist.
Können es vielleicht als Ehre und Verpflichtung jedes einzelnen Ordensritters gesehen werden, sich in der heutigen Gesellschaft bewusst als Miles Christianus zu versuchen? Könnte es gar Aufgabe und Berufung der St. Georgs-Ritter sein, neben den literarischen und nostalgischen werten, sowie Kunst- und Baudenkmälern, auf die wahre Bedeutung der georgischen Symbolik und ihre spirituelle Aktualität hinzuweisen?
Ordenskanzler Peter Stolberg-Stolberg zum Ritterkonvent 2002
Künstlerisch bildliche Darstellungen des Heiligen Georg
Gesammelt und eingebracht von Rittern und Freunden des Alten Ordens vom St. Georg


Der Heilige Georg im Kampf mit dem Drachen
Raffael da Urbino, kurz Raffael (1483-1520), bedeutender italienischer Künstler der Renaissance
