Illustrioribus et nobilitati

Es ist unser Gelöbnis, gegen das achtfache Elend - Krankheit und Verlassenheit, Hunger und Heimatlosigkeit, Lieblosigkeit und Schuld, Unglaube und Gleichgültigkeit - anzukämpfen. Es tritt in den Epochen der Geschichte in unterschiedlichen Formen auf. Jede Generation von Ordensrittern muss laufend festlegen, wie sie den Kampf in ihrer Zeit führt.

Dr. med. Michael Nebehay, Vortrag beim Ordensabend 21.12.2015 (Weihnachtsfeier des AOvStG)

Vorstellung im Alten Orden vom St. Georg

 

Zunächst möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Michael Nebehay. Ich bin 1949 in Wien geboren. Mein Vater war der Antiquar und Kunsthändler in der Annagasse. Er war ein anerkannter Experte für die Kunst in Wien um 1900.

 

Mütterlicherseits gibt es eine Verbindung, die für die hier anwesenden Mitglieder der Aristokratie interessant sein dürfte. Meine Urgroßtante war die Katharina Schratt. Ich besuchte hier die Volksschule im Lycée Francais und maturierte im Akademischen Gymnasium unweit von hier. Nach dem Einjährig-Freiwilligen Jahr studierte ich 1 Jahr in Paris Kunstgeschichte, im Hinblick auf die Nachfolge meines Vaters. Da ich bald erkannte, dass ich, mangels kommerzieller Begabung, für diesen Beruf nicht wirklich geeignet sein würde, beschloss ich Medizin zu studieren. 1978 promovierte ich an der Universität Wien und ging dann nach Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich. Dort absolvierte ich den Turnus und einen Teil der Facharztausbildung. Ich bin Internist mit dem Schwerpunkt in Kardiologie, hatte 20 Jahre eine Kassenpraxis und bin nun seit 2 Jahren in Pension. Seit 35 Jahren bin ich verheiratet. Wir haben 4 erwachsene Kinder.

 

Da ich mir ein Pensionisten-Dasein auf Golfplätzen oder Kreuzfahrtschiffen nicht vorstellen konnte, habe ich etwas gesucht, wo ich ein wenig etwas gegen das achtfache Elend in dieser Welt (Krankheit und Verlassenheit, Heimatlosigkeit und Hunger, Lieblosigkeit und Schuld, Gleichgültigkeit und Unglaube) tun kann. So bin ich auf eine Organisation gestoßen, die sich "Mercyships" (Gnadenschiffe) nennt und habe mich dort als Arzt beworben. Ich war auf einem, bestens ausgerüsteten Spitalsschiff, das entlang der westafrikanischen Küste, Menschen Hilfe angedeihen lässt, die ihnen in ihren armen Ländern sonst nicht zu Verfügung steht. Die Wochen an Bord haben mich sehr tief bewegt: Das unfassbare Elend aus der Nähe zu erleben, aber auch die großzügige Hilfe mit fantastischen Operateuren, die Unglaubliches leisten. Falls Interesse besteht, würde ich dieses Projekt sehr gerne bei einer anderen Gelegenheit vorstellen. Aus Afrika zurück, fand ich über Vermittlung von Frau Ute Bock zu "Ambermed".

 

Das ist eine Ambulanz der Diakonie, für Menschen ohne Krankenversicherung, also hauptsächlich Obdachlose und Asylanten ohne Aufenthaltsgenehmigung. Wir sind dort ca. 20, meist pensionierte Ärzte, die als erfahrene Allgemeinmediziner helfen, so gut wir können. Es ist für mich eine ziemliche Herausforderung, weil ich mit Krankheitsbildern konfrontiert bin, die ich in meiner Laufbahn kaum behandelt habe. Dort werde ich auch jedes Mal mit unfassbarem Leid konfrontiert. Die Zunahme der Menschen, die in extremer Armut oder sogar auf der Straße leben müssen, ist erschütternd. Alleine in meinem Wohnviertel begegne ich alle paar 100 Meter einem Bettler. Meist handelt es sich um Romas aus den Balkanländern, die mittlerweile vor fast jedem Supermarkt stehen. Ich glaube nicht daran, dass das allesamt Mitglieder von mafiös organisierten Banden sind. Einer sagte mir neulich, dass er keine Wahl habe, denn sonst würden seine Kinder zu Hause nicht genug zu essen haben.

 

Den Vortrag von Professor Hans Köchler "Massenmigration, Europa- quo vadis?" den er hier im Oktober gehalten hat und die anschließende Diskussion fand ich ungemein interessant. Ich konnte all sein Bedenken sehr gut nachvollziehen. Er sprach von einem rechtsstaatlichen Erosionsprozess im Zusammenhang mit den außer Kontrolle geratenen Migrationsströmen und dass diejenigen diffamiert würden, welche die Gesetze einhielten. Er sprach auch davon, dass es illusorisch sei, zu glauben, dass sich Moslems jemals in Europa integrieren würden. All diese Argumente kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich stehe jedoch im Gegensatz zu seiner Überzeugung, dass es sich um eine wirtschaftlich motivierte Massenflucht handelt. In meiner Tätigkeit als Arzt an den verschiedenen Ambulanzen in Traiskirchen, in Nickelsdorf, am Westbahnhof, in der Lindengasse, im Dusikastadion und zuletzt in Leobersdorf konnte ich dies absolut nicht feststellen. Die Menschen fliehen aus Angst um ihr Leben. Als Beispiel seien nur die von den ISIS Kämpfern verfolgten Christen genannt, welche die Wahl haben, zum Islam zu konvertieren, geköpft zu werden oder das Land zu verlassen. Es kommen Menschen mit zerschossenen Gliedmaßen, Menschen die durch Terrormilizen Angehörige verloren haben, Jugendliche ohne ihre Eltern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand seine Heimat verläßt, außer er ist völlig verzweifelt. Meine Aufgabe ist nicht darüber zu urteilen, aus welchen Motiven die Menschen zu uns kommen, sondern, so gut ich kann, ihr Elend zu bekämpfen.

 

In wenigen Tagen feiern wir die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus. Die damaligen Umstände erinnern sehr an die heutige Situation im Mittleren Orient. In einem Notquartier ist er geboren und als kleines Kind musste er mit seinen Eltern aus Furcht vor Herodes nach Ägypten fliehen. Ich denke, dass wir in Seinem Sinn Weihnachten feiern, wenn wir in Dankbarkeit für unseren Wohlstand, unser Möglichstes tun, um das 8-fache Elend in dieser Welt zu bekämpfen.