Eugenijus mag kleine Städte, weil dort ein langsamerer Lebensrhythmus vorherrscht, weil da einfach drauf los gelebt wird und nicht versucht wird, andere zu kopieren und man sich nicht beweisen muß. Der oft als „intellektueller Dichter“ apostrophierte Litauer scheut den Blick in Abgründe nicht, hat er die Geschichte doch am eigenen Leib erfahren. (Text und Thema), 15: Wie schreibt man einen Kommentar? Es verwundert deshalb nicht, daß der Dichter von manchen litauischen Kritikern und Kollegen der Logorrhö geziehen wird. Mit zersetzender Ironie begegnet Ališanka indes nicht nur dem Ich, sondern auch Lebensentwürfen, dem Hamsterrad des Alltags, literarischen Moden und Genres, dem „nichtraucher-europa“, dem Pathos der Liebe und dem lieben Gott. Diesen Eindruck scheint auch das von jeher einfache Erscheinungsbild seiner Lyrik zu bekräftigen: Ališankas ungereimtes, umgangssprachliches Parlando ist durchgängig klein geschrieben und mäandert wie ein ungehemmter Redefluß fast ohne Punkt und Komma durch die Verszeilen. Viele verschiedene Töne und Sprechhaltungen sind diesen Gedichten eigen, Denken und Schauen gehen eine produktive Verbindung ein, und Ironie ist ihnen nicht fremd. 13: Der "Sinn" von Sachtexten: Was fängt man mit ihnen an? 1848: Revolution – im Zusammenhang der Entwicklungen im 18. und 19. Zum anderen hat die sowjetische Zensur bis zur Wiederherstellung des unabhängigen Staates vor zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Gedichte interessanter waren als Romane und natürlich aufregender als die gleichgeschaltete Presse, weil man in eine Verszeile Andeutungen einschmuggeln konnte, die im Klartext nie durchgegangen wären. Mittlerweile ist er selbst auf den internationalen Poesiefestivals zu Hause. Eugenijus Ališanka, "Identitätskrise": Ein Gedicht, das das Problem der Identität wohl aus der Perspektive eines Migranten in der Weise löst, dass das lyrische Ich sich in das ihm einfach erscheinende Leben eines Fernfahrers hineinträumt. Man kann dann sehr gut mit dem Gedicht "Doppelte Nationalitätsmoral" von Zehra Cirak weitermachen, weil das schon deutlich stärker in die Tiefe geht und damit auch neue Fragen aufwirft - etwa nach der Bedeutung der Zeit. exemplum heisst sein – von Claudia Sinnig souverän übersetzter – zweiter Gedichtband auf Deutsch, dessen reimlose Verse Titel tragen wie: „fast ein weltuntergang“, „geschichte der gotteslästerungen“, „billigtarif“, „am anfang war kein wort“, „C3“, „lego“, „via negationis“ oder „never never“. Ališankas Œuvre ist Ausdruck einer inzwischen gut zwanzig Jahre währenden konsequenten und ergiebigen Suche, ihr in exemplum erklärtes Ziel das, was „es wahrscheinlich nicht gab, / aber nicht nicht geben konnte“. Mit traumwandlerisch leichter Hand geschrieben, wirken sie wie die Seiten eines imaginären Reisetagebuchs: eine reise ist ja nichts anderes als die verheißung eines neuen lebens, la vita nuova, die eschatologische flucht ins paradies, in das du noch gar nicht hinein willst, − In exemplum, dem Gedichtband des litauischen Lyrikers Eugenijus Ališanka, gehen Denken und Schauen eine produktive Verbindung ein. Ähnlich wie vorher die Probleme der Gegenwart, so werden jetzt die aus der Sicht des lyrischen Ichs schönen Seiten dieser Existenz aufgeführt, wozu durchaus auch die Säuberung der "ölverschmierten Hände" "im bach" oder auch "in einer schneewehe" gehören kann. So verleiht Ališanka dem lächerlichen, linkischen, heiligen Mißlingen ein zeitgemäßes, leises Pathos: ich wußte nicht wie leben versuchte es so und anders wie in diesem witz nichts kam dabei raus ich sehe mich um es geht allen ähnlich nur manchen misslingt es wohl schöner. Das Interessante an dem Gedicht ist die Verbindung von Identitätskrise mit der Flucht in das einfache Leben. In Deutschland dagegen genießen seine unprätentiösen, humorvollen und präzisen Gedichte spätestens seit Erscheinen der zweisprachigen Ausgabe von aus ungeschriebenen geschichten (Köln 2005) eine für die litauische Literatur beispiellose Wertschätzung und Beachtung: Kein anderer Schriftsteller seines Landes erfreut sich solcher Resonanz im deutschen Feuilleton und wird so häufig zu Lesungen und Stipendienaufenthalten eingeladen. 59ff. – Es war, als hätte man auf diesen Band gewartet. Doch Poesiefestivals sind noch immer ein fester Bestandteil des Kulturlebens, und Gedichtbände haben (bei 3,5 Millionen Einwohnern!) Es folgen dann einige Zeilen, die aktuelle Unklarheiten in diesem Bereich deutlich werden lassen (Glauben, Sprache). Mehrere Gedichte des Bandes zeigen den Reisenden in Greenwich, Venedig oder Berlin. Ein ruhelos Reisender, a poet on the road, durchmißt er die Räume des neuen Europas, auf den Spuren seiner politischen und kulturellen Topographie. Diese Website benutzt Cookies. 14: Wie nimmt man zu einem Sachtext Stellung? Transzendieren bedeutet für sie das Überliefern einer in der Sprache aufgehobenen, das heißt ihr endliches Dasein überschreitenden Vergangenheit. Diesen Blick praktiziert Ališanka nicht zuletzt auf seinen ausgedehnten, weltweiten Reisen. Im zweiten Teil wird besonders deutlich, wie sehr das lyrische Ich Schluss machen möchte mit dem, was er "intelligenzlerische klagen" nennt, nicht nur "über den sinn des seins", sondern auch psychologische Fragen wie die "durchbrüche des unterbewußten". Wenn du die Website weiter nutzt, gehen wir von deinem Einverständnis aus. Eugenijus Ališanka wurde 1960 in Sibirien geboren und wuchs 1962, seit der Rückkehr der Eltern aus dem Exil, in Litauen auf. Das liegt zuerst einmal daran, dass die archaischste heute noch gesprochene indoeuropäische Sprache über einen Formen- und Klangreichtum verfügt, der seinesgleichen sucht. Die drei Schlusszeilen haben dann schon ein bisschen den Ton von Goethes "Prometheus": "niemandem bliebe ich was schuldig" - die Schlusszeile macht dann auch sprachlich den Protest gegen eine falsch ausgerichtete Kulturwelt deutlich: "und ihr könntet mich allemal". – Eugenijus Ališankas poetische Expedition. Seine Übungen in Zweifel und Polemik liessen sich (zumindest teilweise) unter das Motto stellen: „Ich experimentiere, ergo sum.“ In der Tat ist es Ališanka um existenzielle Beweglichkeit zu tun, während ihn Sprachexperimente wenig interessieren. Symptomatisch heisst es in „curriculum vitae“: hungrig geboren absolvent des klassenspiels diplomierter melancholiker das ganze leben tagelöhner am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb kurzzeitig messdiener für den einen und sargmacher für den anderen gott zur zeit saisonschriftsteller lebe allein mit frau und sohn habe mehr bücher publiziert als geschrieben zehn erklärungen verfasst appelle und bewerbungen ein paar stellungnahmen für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet mit einem preis des kultusministeriums laureat im schienen-marathon ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation irgendwo am boden selbst für den lohn eines hirten mit flöte. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Nicht weniger schwer wiegt die ebenfalls in Litauen gelegentlich anklingende Vermutung, der Erfolg des Dichters im Ausland sei auf die vermeintliche Anspruchslosigkeit seiner Gedichte, wenn nicht auf marktorientiertes Kalkül zurückzuführen. Powered by WordPress | Designed by Elegant Themes. Auch der noch wenig übersetzte Aidas Marcenas, der im Oktober dank eines Stipendiums des Bank Austria Literaris seine Poesie in Wien vorstellen wird, liebt die alten strengen Formen, allen voran das Sonett. Bereits in dem Band gottes knochen nimmt das überforderte lyrische Subjekt die Züge eines Sonderlings an: „gottes sonderbare kreaturen / immer sonderbarer lebst du, immer näher.“ Diese Figur begegnet uns in exemplum recht häufig – so in Gestalt des (heiligen) Narren oder des glücklosen Ritters zum Beispiel in „kasimir-markt“ und „aus der geschichte des rittertums“, aber auch als mißratener Sohn in dem Gedicht „formular für eine erklärung“, der seinem Vater schließlich erklärt: „recht hast du vater doch ich habe unrechter“. Schreiben heißt, sich selbst ständig umzuschreiben. Musterlösung: Gedichtanalyse zum Gedicht "Kleine Stadt am Sonntagmorgen" Abschnitt Gedichtanalyse Einleitung In dem Gedicht „Kleine Stadt am Sonntagmorgen“ von Erich Kästner aus dem Jahre 1929 geht es um die ruhige Atmosphäre, die in einer Kleinstadt an einem Ališanka ist ein wendiger und intelligenter Dichter, er entzieht sich unter anderem durch konsequente Kleinschreibung ohne Verwendung von Satzzeichen herkömmlicher Kategorisierung. Dieses Geheimnis bleibt unausgesprochen, es entzieht sich der Sprache. Er schwankt zwischen Ernst und Farce, zwischen Absicht und Versehen: ich fühle mich heute wie ein kater in der regenrinne ungewiss wie ich hineinglitt wohin es mich verschlägt. Diesen Eindruck scheint auch das von jeher einfache Erscheinungsbild seiner Lyrik zu bekräftigen: Ališankas ungereimtes, umgangssprachliches Parlando ist durchgängig klei… Während diese Lyriker sich zur Maxime der klassischen Moderne bekennen, der Schriftsteller sei das Werkzeug der Sprache und nicht umgekehrt, hat Ališanka schon in einem 1993 publizierten Essay sein Unbehagen an einer Poetik ausgedrückt, in der „der Dichter der Sprache unterworfen ist [und] die Sprache mit sich selbst spricht“; Dichter und Worte nur als „Medien für jenseitige Welten“ dienen: Hier wird eine der Bedeutungen des Dichters als Opfer sichtbar – der Dichter bringt sich selbst zum Opfer, er ist ein Schwarzes Loch, das in andere Welten und zugleich zu völliger Vernichtung führt. Text: Adel Karasholi: Umarmung der Meridiane (1978) Beispielaufgabe: Untersuchen Sie die folgenden Materialien und stellen Sie einen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen Ihrer Analyse zum Gedicht von … 01: Sachtexte: Warum sie so wichtig sind... 04: Umgang mit informierenden Texten - Beispiel: Information zur Erörterung. Diese griffige Umschreibung des Kontingenzprinzips von Richard Rorty verweist wie der lateinische Titel und die Eingangszitate des Buchs, die den Bezug zur lateinischen Rhetorik herstellen, auf die ernsthaften Absichten des Dichters: unwahrscheinliche, aber vorstellbare Alternativen im scheinbar Zwangsläufigen zu schaffen. Es beginnt in Vers 1 mit der Frage nach der eigenen Identität. Meinen Namen, E-Mail und Website in diesem Browser speichern, bis ich wieder kommentiere. Die Klarheit, ja Nüchternheit mathematischer Ratio zieht den Litauer ebenso an wie das Regelwerk der Rhetorik, das komplizierten Denkfiguren elegant zur Sprache verhilft. Ein Stimmungslyriker ist Ališanka nicht, vielmehr ein präziser Vermesser eigener Widersprüche und der Paradoxien der Welt, der – nicht ohne Witz, Ironie und Melancholie – an allen Gewissheiten rüttelt. Aber dem Kasimir-Markt von Vilnius widmet er ebenso selbstverständlich ein Gedicht. Eugenijus Ališankas Gedichte kommen so behende, so leichtfüßig daher, daß man meinen könnte, sie seien vielleicht allzu unbekümmert und möglicherweise von leichtherzigem oder gar leichtfertigem Charakter. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Im Rückblick sagt er: Vor Jahren war Lyrik für mich fast ein Zweig der Metaphysik, während mich das Leben selbst nur insofern interessierte, als es ,Spiritualität‘ enthielt. 04: Wie kommt man mit schwierigen Stellen in Gedichten klar? Dieser notorisch kurzsichtige, vergeßliche, ängstliche Protagonist, der fortan mal unbekümmert, mal verdutzt und mal versonnen durch seine litauische Heimat, die weite Welt und ferne Vergangenheiten irrt, stellt sich beim Unterlaufen von festgefÜgten Deutungsmustern ausgesprochen geschickt an. Wichtig ist die Zeile 5, in der das lyrische Ich den Wunsch präsentiert, ein "fahrer für fernreisen" zu sein. Im Nachwort des Bandes schreibt die Übersetzerin Claudia Sinnig deshalb folgerichtig: „Seine Gedichte sind eine freundliche Ermunterung zu Versuch und Irrtum, zum ,Unfesten‘ als Lebensform.“ Vielleicht ist es gerade dies, was mich (neben seinem liebvollen Gemecker) an einen Abiturienten erinnert: Den Kopf voll mit Wissen, das Leben in der Theorie vor sich, die Praxis wartet, hier einfach mit dem Unterschied, dass Ališanka aus der Schule „Litauen“ auf das Leben „Europa“ blickt. Kultur (psst!) Biografische Fakten haben lange keinen Eingang in seine Poesie gefunden – ihm schwebte das Gedicht als Kristall vor, gereinigt von konkreten Orten, Ereignissen oder Namen.

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